Selbstbestimmt leben mit Assistenz - ein Assistenznehmer berichtet

„Hoffentlich schaffst du das auch“, war mein erster Gedanke als ich mit der Rund-um-die-Uhr-Assistenz Ende 2002 anfing. Ganz freiwillig fing meine Selbstständigkeit trotz Behinderung nämlich nicht an, denn mein Vater war nach dem Tod meiner Mutter physisch und psychisch nicht mehr in der Lage, sich um meine Assistenz bzw. Pflege allein zu kümmern.

Von Geburt an bin ich an einer bisher unbekannten Muskeldystrophie erkrankt und seit meinem zwölften Lebensjahr auf die Nutzung eines Rollstuhls angewiesen. Dennoch war ich auf Grund der unnachgiebigen Unterstützung insbesondere, meiner Mutter in der Lage, das Abitur zu absolvieren und 1997 das Studium der Politikwissenschaften an der Universität Göttingen anzufangen.

Der Beginn der Assistenz bedeutete für mich eine vollkommene Umstellung meines durch die Familie „wohlbehüteten“ Lebens, nämlich den Auszug aus dem Elternhaus. Plötzlich war ich für alles, was ich tat, selbst verantwortlich. Allerdings hatte die Situation auch den Vorteil, dass ich mein bisheriges „Langzeitstudium“ forcieren konnte und natürlich nicht mehr auf die begrenzte Belastbarkeit meiner Eltern achten musste.

Seit dem Jahr 2002 bekomme ich die Rundum- die-Uhr-Assistenz von der Selbsthilfe Körperbehinderter und lebe im ständigen Wechsel mit meinen Assistentinnen und Assistenten – Hauptamtliche und StudentInnen – zusammen in einer Wohnung. Sie unterstützen mich beim alltäglichen Leben, angefangen bei der Pflege über die Haushaltsführung bis hin zur Begleitung in der Freizeit. Außerdem leisten sie mir Assistenz in meinem Beruf und im Ehrenamt. So konnte ich mein Studium Anfang 2006 abschließen. Nach langjähriger Tätigkeit als Vorsitzender des Behindertenbeirates arbeite ich nun in der Unabhängigen Beratungsstelle für Menschen mit Behinderung.

Das Verhältnis zu meinen AssistentInnen ist zwar durchweg gut, aber natürlich nicht vollkommen ohne Reibungspunkte, doch ich denke, in den meisten Wohngemeinschaften von Menschen ohne Behinderung wird es kaum anders sein. Erleichternd kommt hinzu, dass meine AssistentInnen in der Regel in meinem Alter sind.

Manchmal mache ich mir jedoch Sorgen über die Zukunft dieser Assistenz, da diese zum größten Teil vom Sozialamt finanziert wird und ich mir nicht sicher bin, ob in Zeiten knapper Kassen nicht doch irgendwann Leistungen gekürzt werden. Andererseits darf man nicht vergessen, dass mein Assistenzbedarf die Arbeitsplätze von sechs Menschen sichert. Nichtsdestotrotz hoffe ich, dass mein selbstbestimmtes Leben auf Dauer nicht gefährdet ist.

Letztendlich ist die Rund-um-die-Uhr-Assistenz eines der besten Dinge, die mir in meinem Leben widerfahren sind.

Christian Herwig, 2012