Unsere Chronik

Hilfe zur Selbsthilfe

Bereits 1961 gründete Frau Else Bräutigam, Ehrenbürgerin der Stadt Göttingen und langjährige Vorsitzende des Vereins, gemeinsam mit anderen Betroffenen die „Selbsthilfegruppe Körperbehinderter“ (SHK). Die Gruppe wollte Hilfe zur Selbsthilfe geben, sich und andere aus der Isolation führen. Des Weiteren sollte eine Interessenvertretung gegenüber Ämtern, Kassen und Behörden aufgebaut werden. 13 Jahre später initiierte die SHK die Bildung des Arbeitskreises aller Behindertenvereine und -verbände Göttingens, der bis zur Gründung der Kommunalen Arbeitsgemeinschaft Behinderter (heute Behindertenbeirat) der Stadt Göttingen im Jahr 1995 aktiv war. Weitere vier Jahre später, 1978, nahm der erste Zivildienstleistende seinen Dienst auf. Sein Auftrag war es, Menschen mit Behinderung bei den alltäglichen Schwierigkeiten zu unterstützen: Die erste Form „persönlicher Assistenz“ nahm Gestalt an. 1983 wurde der Verein in das Vereinsregister eingetragen, 1984 erfolgte die Aufnahme in den Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband. Das erste Büro wurde in der Bürgerstraße bezogen, zwei Jahre darauf ein größeres in der Prinzenstraße. In den folgenden Jahren wurde der professionelle Teil des Vereins immer größer: Bis Ende der 80-er Jahre waren bis zu 75 Zivildienstleistende beim Verein beschäftigt. Anfang der 1990-er Jahre veränderte sich die Zusammensetzung der Belegschaft gravierend: Bis dahin waren ausschließlich Zivildienstleistende in der Assistenz. Nun kamen die ersten hauptamtlichen Assistenzkräfte, unterstützt von PraktikantInnen, TeilnehmerInnen des Freiwilligen Sozialen Jahres und TeilnehmerInnen von Arbeitsversuchen zum Verein.

Professionalisierung

Es entstanden behindertengerechte Arbeitsplätze in der Verwaltung sowie in der pädagogischen Betreuung von Mitgliedern und Gruppen. Weitere Stationen der Professionalisierung: Verschiedene Rollstuhlbusse sowie rollstuhlgerechte PKW halfen in den Jahren, die Mobilität der KlientInnen zu gewährleisten. Ein Tagungshaus in Bodenfelde an der Weser wurde übernommen und einige Jahre geführt (bis 1989). Ein Tagespflegehaus in Göttingen wurde vom Verein „Herbstzeitlose e.V.“ übernommen und ebenfalls einige Jahre weitergeführt (bis 2001). 1991 wurde Else Bräutigam, die „Mutter“ des Vereins, die in den 1980-er Jahren auch Ratsfrau im Rat der Stadt Göttingen war, von Dr. Jochen Krohn als Vorsitzende abgelöst. Sie wurde noch im gleichen Jahr aufgrund ihrer Verdienste in ihrer Arbeit für Menschen mit Behinderungen Ehrenbürgerin der Stadt Göttingen. 2014 wurde nach Else Bräutigam im Ortsteil Geismar Treuenhagen eIne Straße benannt. 1995 veränderte sich mit Inkrafttreten des Pflegeversicherungsgesetzes (SGB XI) die inhaltliche Arbeit des Vereins: Gab es bis dahin die „persönliche Assistenz“ durch ungelernte Kräfte, die von den Betroffenen selbst angeleitet wurden, müssen seitdem Pflegefachkräfte sicherstellen, dass die „Pflege“ entsprechend der Pflegeversicherung (SGB XI) durchgeführt und dokumentiert wird.

Elsa Krauschitz Haus Neustadt 7

Im Jahr 2005 ermöglichte eine Erbschaft den Ankauf und den Ausbau zweier Etagen in der Neustadt 7. Das Büro des Vereins befindet sich seitdem im Erdgeschoss. Außerdem entstanden im Rahmen des „Elsa-Krauschitz-Projektes“ im Obergeschoss vier barrierefreie 1-Zimmer-Appartements, die an Menschen mit Behinderung vermietet werden. Das Ende des Zivildienstes im Juli 2011 bedeutete noch einmal einen tiefen Einschnitt in die Arbeit des Vereins: Nicht mehr junge Männer, die nach der Schule oder nach der Ausbildung einen vorher feststehenden Zeitraum die Assistenz unter der Anleitung der KlientInnen leisteten, sondern vor allem StudentInnen und natürlich hauptamtliche Kräfte waren nun hier tätig. Seitdem arbeiten ca. 90 Kolleginnen und Kollegen – tarifvertraglich entlohnt – in der persönlichen Assistenz, dazu kommen etwa 5 TeilnehmerInnen des Freiwilligen Sozialen Jahres. In der Pflege nach dem Pflegeversicherungsgesetz werden sie von zwei Pflegefachkräften angeleitet, sechs KollegInnen, zumeist in Teilzeit, kümmern sich um den ständig wachsenden Verwaltungsanteil, ein Pädagoge führt Beratungen durch und leitet die verschiedenen Gruppen des Vereins an.

50 Jahre SHK

Im September 2011 konnte ein denkwürdiges Datum gefeiert werden: 50 Jahre „Selbsthilfe Körperhinderter“. Der Verein lud Mitglieder, FreundInnen und PartnerInnen zu einem Fest in das barrierefreie Kulturzentrum „musa“ ein. Die Sozialdezernentin der Stadt Göttingen, der Vorstand des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Niedersachsen, der Vorsitzende des Bundesverbandes Selbsthilfe Körperbehinderter sowie der Vorsitzende des Behindertenbeirates der Stadt Göttingen überbrachten die Glückwünsche und berichteten über ihre Zusammenarbeit mit dem Verein. Der Vorstand des Paritätischen überreichte die Ehrennadel an den Vorsitzenden und den Geschäftsführer.

Else Bräutigam
Gründerin der Selbsthilfe
Körperbehinderter
Göttingen e.V.
Ehrenbürgerin der Stadt
Göttingen